INTERVIEW MIT REGISSEUR HENNING BACKHAUS

„Kannst du mich bitte umarmen“, sagt Almut, „Ich könnte die ganze Zeit heulen“, erklärt Tommy – woran leiden Ihre Protagonisten?
Naja, so geballt klingt das etwas weinerlich, ich denke, das ist der Film nicht. Das Drehbuch ist um 2009 entstanden, als die Studentenproteste voll im Gange waren. Und auch wenn die Studentenproteste als solche nicht in die Geschichte eingeflossen sind, haben sie doch zumindest das Ganze thematisch beeinflusst. Die Forderungen waren damals ziemlich widersprüchlich; was aber zum Ausdruck kam, war der Ärger darüber, dass man nicht wirklich teilhaben kann an der Gesellschaft, am System. Dass man zwar irgendwie drinhängt, aber die Strippen von anderen gezogen werden.
Dieses Gefühl kennt jede der Figuren von LOCAL HEROES. Dieses „Wir müssen leider draußen bleiben“. Das eint sie, das trennt sie aber auch.
Almut, das Mädchen in diesem Reigen, versucht verzweifelt einen Job zu finden, die Hauptfigur, Tommy, versucht irgendwie mit dem, was er eben mag und liebt, den Durchbruch zu schaffen.
Das Interessante an Tommy ist dabei, dass er, obwohl er ein junger Mensch ist, eigentlich schon zurückgefallen ist. Ich finde, das ist typisch für diese Zeit: Selbst 25-Jährige können schon überrundet werden – von 17-Jährigen, die näher dran sind an den Entwicklungen. Dadurch entsteht eine viel größere gesellschaftliche Fragmentierung als vielleicht noch vor 20, 30 Jahren. Früher war die Spannbreite einer Generation viel größer, als es heute der Fall ist. Die Leute können schneller ins Hintertreffen geraten und das eben auch schon in jungen Jahren.
Vielleicht war das nicht das Hauptthema der Studentenproteste. Aber das Unbehagen, zu einem Wettlauf verdonnert zu sein, den man nicht mehr gewinnen kann, schwingt in all diesen Protesten mit, finde ich. Bis zur Occupy-Bewegung. Und es beschäftigt definitiv die Figuren in LOCAL HEROES.
Ich sage immer, dass der Film von kleinen Schritten handelt. Wichtige Bewegungen müssen nicht mit großen Ereignissen einhergehen. Am Ende lassen sie sich auch in den kleinen Schritten finden. Von einigen dieser kleinen Schritte erzählt LOCAL HEROES.

LOCAL HEROES heißt ein real existierender Band-Contest …
Ja, aber um mir mehr Freiheiten zu lassen, habe ich mir diesen Contest nicht näher angesehen. Es ist aber ein schöner Filmtitel, finde ich. Ich kenne Band-Contests, ich war selber mal in einer Band, zusammen mit Peter Brunner, einem Studienkollegen von der Filmakademie. Die Band hieß „Figure in Frame“. Er macht jetzt solo als „Cardiochaos“ weiter und ist auf FM4 zu hören. Ich habe mein kurzes Engagement damals dann eher unter „Recherche“ verbucht.

Der Arbeitstitel lautete „Kinderszenen“ – inwiefern sind es Kinderszenen, die hier erzählt werden?
Kinderszenen, weil es eine Coming of Age-Geschichte ist, wenn auch im fortgeschrittenen Alter. Die sind alle schon Mitte 20, aber noch Suchende. Sie stehen sich selbst im Weg, strampeln sich ab, versuchen irgendwo anzukommen, sich irgendwo festzuhalten, doch ständig werden ihnen die Hände abgehackt und sie schaffen’s nicht. Und können auch nicht gerade erwachsen damit umgehen.
Und zum anderen „Kinderszenen“, weil Lazlo, der Pianist und Keyboarder im Film, sich an den gleichnamigen Schumann-Kompositionen abarbeitet – das in Kombination hat dann zum Arbeitstitel geführt. Ich trauere aber dem alten Titel nicht nach.

Das Drehbuch wurde im Rahmen der Diagonale mit dem Carl Mayer-Drehbuchpreis ausgezeichnet, hat das die weitere Arbeit am Film erleichtert?
Ich habe mich gefreut, als ich den Preis bekommen habe, nicht zuletzt weil es eine finanzielle Zuwendung war. Leute wie ich, in diesem Stadium, leben von der Hand in den Mund. Die Realisierung hat es nicht wirklich beeinflusst, das Projekt war zu dem Zeitpunkt schon bei der WEGA Film und auch schon bei der Finanzierung eingereicht.
Aber man freut sich natürlich: Man sitzt ja lange am Schreibtisch herum und die Hauptbeschäftigung beim Schreiben ist immer, Sachen wegzuschmeißen. Auch Sachen, die man mag. Das kann sehr frustrierend sein. Man ist alleine und freut sich dann natürlich, wenn man so einen Preis bekommt. Gerade fürs Drehbuch. Das ist mir sowieso ein Anliegen: Ich finde Drehbuchschreiben wesentlich schwerer als Regie zu führen. Regie führen kann am Ende jeder. Wenn man einen guten Kameramenschen hat und ein passables Drehbuch, dann fangen es die anderen unter Umständen schon auf. Bei der Drehbucharbeit ist man dagegen vollkommen auf sich selbst gestellt. Ich finde, dass die Autoren viel mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten, dass es nicht immer heißt „Ein Film von …“ – und dann sitzt da der Regisseur, und man weiß gar nicht, wie viel der am Ende eigentlich gemacht hat. Ich verstehe nicht, warum beim Film der Fokus immer so klar auf der Regie liegt.

Welches Bild hatten Sie als erstes im Kopf? Wie ist es zu LOCAL HEROES gekommen?
Das ist eigentlich ziemlich banal und geht zurück in die Filmakademie: Im Studienplan war die Herstellung eines Dokumentarfilms vorgesehen, und ich dachte damals (mittlerweile bin ich da weiter), dass ich das nicht kann: Da kann ich mich nicht vorbereiten, kann keine Storyboards zeichnen, und Leute mit der Kamera belästigen will ich auch nicht. Der Dokumentarfilm ist an der Akademie aber verpflichtend. Haneke konnte mir auch nicht weiter helfen, er hat gemeint, er habe von Dokumentarfilmen überhaupt keine Ahnung (lacht) – und dann habe ich es mit einem Trick versucht: Ich wollte den bereits erwähnten Peter Brunner mit der Kamera begleiten, einen Abschnitt seines Lebens dokumentieren, einerseits, andererseits auch einige Szenen mit ihm inszenieren. So eine Mischform aus Doku und Spielfilm. Peter hatte damals eine sehr irrlichternde Phase, teilweise nicht mal ein Dach über dem Kopf, es hätte spannend werden können. Aber irgendwie bin ich ein Kontrollfreak und ich fing an, Szenen zu schreiben: Ich wollte einen dramaturgischen Bogen entwerfen und eine Struktur, damit das Material nicht Gefahr läuft, beliebig zu werden. Mehr und mehr wurde ein klassisches Drehbuch daraus. Schließlich habe ich die Dokumentarfilm-Idee ganz aufgegeben.

Ist jemals ein Dokumentarfilm entstanden?
Ich habe einen gemacht, der lief im Herbst auf dem Jüdischen Filmfestival in Wien. Langes kurzes Leben ist in Wien, Bratislava und Israel entstanden, es ist ein Portrait des israelischen Lyrikers Tuvia Rübner, der in Bratislava geboren wurde und als einziger seiner Familie die NS-Zeit überlebt hat. Er ist nach Palästina ausgewandert und hat sich vom Schafhirten hochgearbeitet bis zum Universitätsprofessor. Er ist ein bekannter Lyriker geworden, im hohen Alter hat er viele Auszeichnungen erhalten, auch im deutschsprachigen Raum. Bevor die ganzen Auszeichnungen kamen, haben wir die Doku gemacht.

Zurück zu LOCAL HEROES. Zur Besetzung: Da tummeln sich neben jungen Talenten auch arrivierte Schauspieler wie Simon Schwarz und August Zirner. Wie sind Sie zu ihnen gekommen?
Über die Casterin Carmen Loley, sie hat die Vorschläge gemacht.
Leider arbeitet Carmen nicht mehr in dem Metier. Markus Schleinzer und Carmen Loley waren das Casting-Dream-Team. Es ist eigentlich ein Drama für den österreichischen Film, dass die beiden als Caster aufgehört haben. Zumindest von Carmen weiß ich, dass sie mit den Schauspielern schon während der Vorauswahl intensiv geprobt hat, dass sie in den Castings immer versucht hat, alles aus den Leuten herauszuholen. Bei Markus wird es nicht anders gewesen sein. Dass da nun Schluss ist, ist schon ein bisschen tragisch.

Sie studieren bei Haneke, was haben Sie von ihm gelernt?
Es gibt diesen Spruch eines Akademie-Absolventen: An der Akademie lernt man von sehr vielen gar nichts und von sehr wenigen Leuten sehr viel. Und Haneke ist halt jemand, von dem man sehr viel lernt. Das geht los bei Handwerklichem. Ich habe extrem stark davon profitiert, dass er im 1. Semester reines Filmgucken betrieben hat. Er hat viele sperrige Werke gezeigt, die man anhand eines Fragenkatalogs zu analysieren hatte: Was ist die vermeintliche Absicht des Autors, mit welchen Mitteln erreicht er sein Ziel? Jede Woche musste man anhand dieses Fragenkatalogs einen Text über die Einheit von Inhalt und Form schreiben. Das war ein unglaublicher Einfluss!
Und später: Schauspielführung. Der Ansatz war immer der, dass man die Schuld nicht bei den Schauspielern suchen sollte, sondern erstmal davon ausgeht, dass der Fehler bei der Regie liegt.
Haneke ist extrem engagiert. Es ist erstaunlich. Jeder andere Mensch hat vermutlich mehr Zeit als er, aber nicht mal halb so viel Engagement. Vielleicht ist dies das Wichtigste, was man von ihm lernt: Er hat Feuer – allein, dass er da ist, ist der größte Lerneffekt. Er hat sich bei Local Heroes am Ende auch den Schnitt angeguckt und Tipps gegeben.

Zum Dreh … Wie lange wurde gedreht? Hatten Sie eine Vorbereitungs-, eine Probezeit?
38 Tage. Der Film hatte eine sehr kurze Vorbereitungszeit. Das hatte mit Sperrterminen zu tun und damit, dass die Finanzierung erst relativ spät stand, ich aber im Herbst drehen wollte. Die Hauptdarsteller, die ja im Film auch Musiker sind, mussten die Lieder parallel zum Dreh proben. Thiemo beherrschte seine Parts schon, er spielt Gitarre und singt. Mit den anderen war es etwas schwieriger. Elena, die die Schlagzeugerin spielt, wurde während des Drehs vom Drummer der Drahdiwaberl trainiert, Michael Kranz, der den Pianisten/Keyboarder Lazlo gibt, konnte zwar Klavier spielen, musste sich aber dieses Schumann-Stück antrainieren. Er hat knapp vor Dreh damit angefangen und dann häppchenweise, passagenweise geübt. Nach Drehplan.

Die Aussichten für die Figuren sind nicht besonders rosig – Lazlo hat einen Plattenvertrag, an den er nicht glaubt, Almut muss genesen, Tommy zieht in eine kleinere Wohnung um.

Ich sehe das anders: Tommy hat seinen Aktionsradius zwar verkleinert, aber am Ende muss er niemandem mehr etwas beweisen. Er jagt keinem Bild mehr nach. Er macht das, was er tut, für sich. Und damit, glaube ich, wird er seinen Weg gehen. Und Almut: Wenn sie davonhumpelt, muss ich immer an den einen Satz aus Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“ denken: „Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen.“ Genau das tut Almut. Sie hat vielleicht einen Knochenbruch und trägt Gips, aber sie steht auf und geht. Am Ende sind es die Verletzungen, die uns weiterbringen. Laszlo wiederum ist nach einem Anfall von Hybris vollkommen ernüchtert, aber auch er wird weitergehen. Das „Steh auf und geh“ trifft auf alle drei zu. Sie werden alle drei weitermachen, ein bisschen anders, und sie werden die „Kinderszenen“ hinter sich lassen.

 

Logos